- Textbeitrag von Nicole Nix
- Städtische Galerie im Bürgerhaus, Neunkirchen, 1992
-
- Ein
Kabelmast wirft seinen bedrohlich schweren Schaffen auf ein verlassenes Haus;
Falten einer Abdeckplane formieren sich zur utopischen, menschenfeindlichen
Techno-Landschaft; ein Findling wird zum versteinerten Gesicht eines
Schlafenden, der Schaffen eines Fensterladens zur messerscharfen Guillotine.
Peter Schlörs Schwarzweiß-Photographien erscheinen wie Bilder aus einer anderen
Welt, die beklemmend und fesselnd zugleich ist, in der sich Vertrautes fremd,
Banales rätselhaft zeigt.
-
- Ausschnitte
der empirischen Wirklichkeit, zufällig vorgefundene Realitätsfragmente
verwandeln sich in Bildmysterien, die den Betrachter fordern, ihm Assoziationen
und Deutungsversuche abverlangen, ohne verbindliche Deutungen zuzulassen. Die
Photographie, ihrer dokumentarischen und objektiv beschreibenden Funktion
enthoben, wird zum künstlerischen Medium der Reflexion.
-
- Schlörs
Bilder beunruhigen gerade wegen ihrer inhaltlichen Mehrdeutigkeit, die im
Gegensatz steht zur formalen Klarheit und Strenge der Komposition. Ein
definitives Wiedererkennen wird verhindert, indem Schlör das Motiv durch
Isolierung aus seinem raumzeitlichen Kontext bewusst verfremdet. Die konsequente,
bis zur Abstraktion reichende Reduktion ist daher das technisch und stilistisch
wichtigste Mittel des künstlerischen Prozesses.
-
- Die
Schwarz-Weiß-Photographie ermöglicht Schlör, selektiv erfasste
Wirklichkeitsausschnitte auf das für ihn Wesentliche zurückzuführen, damit
subjektiv umzudeuten und als Bildidee zu fixieren. Dunkelzonen der natürlichen
Umgebung reduzieren sich im photographischen Bild zu absoluten Schwarzflächen,
die sich hart kontrastierend von den übrigen Bildelementen absetzen und so eine
neue, eigene Formqualität erhalten. Das scharf konturierte, homogene Schwarz,
indem jede gegenstandsmodellierende und bildräumliche Wirkung aufgehoben ist,
wird zum Irritationsmoment, kann es doch sowohl als Unsichtbares wie auch als
totale Leere interpretiert werden. Durch das partielle Ausschalten optischer
Informationen werden Raum und Ort unbestimmbar.
-
- Mit
dergleichen graphischen Präzision, mit der Schlör das tiefe, unergründliche
Schwarz ins Bild bannt, verdeutlicht er formale Ordnungsstrukturen seiner
bevorzugt landschaftlichen und architektonischen Motive. Raumdiagonalen und
klar abgestufte Grauwerte schaffen Struktur und Plastizität, scheinen dem Auge
Grund und Halt zu bieten, um ins Bildinnere vorzudringen. Doch der Betrachter
wird nicht weitergeführt, sondern sieht sich immer wieder unvermittelt
konfrontiert mit dem nichts freigebenden Schwarz, das sich undurchdringlich vor
ihm aufbaut und sich seinem Zugriff entzieht. Das permanente Wechselspiel von
Nähe und Distanz, die Spannung zwischen Ort und Ortlosigkeit machen das
Irrationale, Traumhafte dieser Bilder aus, die den als selbstverständlich
hingenommenen Realitätswert der Photographie fragwürdig werden lassen.
-
- Mit
dem Herauslösen der Bildmotive aus einem bestimmbaren räumlichen Bezugsystem
verbindet sich zwangsläufig auch die Eliminierung zeitlicher Bestimmbarkeit.
Lichtsituationen werden verabsolutiert und verlieren damit ihre transitorische
Qualität, Bewegung erstarrt in der harten Formenzeichnung. Die kühl und leblos
wirkenden Schwarzweiß-Szenerien scheinen vom Menschen verlassen zu sein, dem
sie keine Behausung und keine Zuflucht bieten können. Nur vereinzelt taucht
die schwarze Silhouette einer Figur auf, zeigen sich Spuren am Boden. Etwas
zugleich Utopisches und Archetypisches eignet diesen Bildern und verbindet
sich zur überzeitlichen Aussage.
-
- Das Losgelöstsein von Raum und Zeit und die
rätselhafte Vieldeutigkeit, die Schlör auch dem gewöhnlichsten Gegenstand
entlockt, rücken die Szenerien in ein Zwischenreich zweier Seinsebenen. Es
findet eine Gratwanderung statt zwischen der Realität und dem nicht Sichtbaren,
nicht Fassbaren. Seine Verwendung des Schwarz kommt der psychologischen Wirkung
sehr nahe, die Kandinsky dieser Farbe zugesprochen hat: Wie ein Nichts ohne Möglichkeit,
wie ein totes Nichts nach dem Erlöschen der Sonne, wie ein ewiges Schweigen
ohne Zukunft und Hoffnung klingt innerlich das Schwarz.“1)
-
- In Peter Schlörs Bildern verbindet sich Reales
mit unbewussten Inhalten dieser Art, die meist nur im Traum erfahrbar werden.
Seine Photographien konfrontieren den Betrachter mit bildlich neu konstruierten
Wirklichkeiten. Sie werden zum Instrument der kritisch reflektierenden
Auseinandersetzung mit der Welt und dem Menschen, der sie als Realität erlebt.
- Nicole Nix (1992)
-
-
- 1) zitiert
nach Kandinsky, Über das Geistige in der Kunst, 6. Auflage, Bern-Bümpliz 1959
|