- Simon Halfmeyer
- Projektionen der Natur
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- „Was die Schönheit sei, das weiß ich nicht.“ Der Satz wird
von Albrecht Dürer überliefert, der diese Feststellung in einer seiner vielen
Manuskripten niedergelegt hat. Dürer war Zeitgenosse von Leonardo da Vinci .
Eberhard Roters hat darauf verwiesen, dass mit diesen zentralen Figuren der
europäischen Malerei auch ein neuer Typus des Künstler in die Welt tritt: „der
gedanklich reflektierende Künstler, der
Künstler Theoretiker.“[i]
In der öffentlichen Wahrnehmung des Künstlers Albrecht Dürer aber tritt dieser
Typus hinter dem ‚Realisten’ zurück, dessen Werke Wohnzimmer und Arztpraxen
schmücken, sei es in Form des ‚Hasen’ (1502) oder als ‚Rasenstück’ (1503), beide Werke in der Sammlung der Albertina Wien. Was würde Dürer
antworten, wenn er gefragt worden wäre, was ‚Natur’ ist ? Vielleicht würde er
die Frage genauso beantworten wie die Frage nach der Schönheit.
- Die erwähnten Arbeiten aber legen eine Sicht nahe, die die
Natur zum konkreten Gegenüber werden
lässt. Diese Sicht mag sich auch begründen
lassen mit einer weiteren Aussagen Albrecht Dürers: „Denn wahrhaftig
steckt die Kunst in der Natur – wer sie heraus kann reißen, der hat sie.“
- Um das künstlerische Vorgehen von Simon Halfmeyer in seiner Spezifik zu
erkennen, ist ein Rückblick notwendig. Erst dieser Rückblick kann die
unterschiedlichen Dimensionen, Verhältnisse und Techniken klären, die
diesem Werk zugrunde liegen. Mit ‚Dimensionen’ sollen die
gesellschaftlichen Bedingungen angesprochen werden, in denen Kunst und Natur
aufeinander verweisen. Die ‚Verhältnisse’ bezeichnen Beobachterbeziehungen
zwischen Objekt und Subjekt. Die ‚Techniken’ beziehen sich auf Produktions- und
Reproduktionsrelationen im Werk selbst und dem was außerhalb der Werkes liegt.
Dabei versteht es sich von selbst, dass die genannten Bereiche keine strikten
Trennungen kennen und zu Überlappungen neigen.
- Die Dimensionen zeigen sich zu Zeiten Albrecht Dürers
anders als in den Zeiten von Caspar David Friedrich. Wo bei Dürer noch die
Darstellungsmittel sowie das Objekt in Frage stehen, wird mit Caspar David
Friedrich die Natur selbst zum Darstellungsraum: Die Natur wird nicht mehr
abgebildet, sondern sie bildet sich selber ab, als Projektion. In dieser Projektion aber zeigt sich Natur als Verfügungsmasse,
erst als Projektionsfläche, dann als Objekt der Ausbeutung. Es ist dafür
kennzeichnend, dass allein der Impressionismus mit Cezanne noch
Naturdarstellungen kennt. Der Expressionismus sieht schon deutlich den
Unterschied zwischen Stadt und Natur. Mit dem Rückzug aus der Natur geht die
Industrialisierung einher. Stadtlandschaften ersetzen Naturlandschaften.
In dieser Gegenüberstellung wird dann der Begriff ‚Stadtlandschaft’ zu einem
Paradoxon, das seine Berechtigung erst dadurch gewinnt, dass Natur Teil der
Stadt wird. Einen Eindruck davon findet man in den Gemälden von Adolph von
Menzel, der die Industrie als eine andere Art der Natur abbildet. Heute aber
ist Natur selbst zur Industrie geworden.
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- Dimensionen
- In den Werken von Simon Halfmeyer kann der Betrachter
diesen Veränderungen im Verhältnis
zwischen Mensch und Natur nachgehen. Das lässt sich an einzelnen Arbeiten
darstellen, wobei eine derartige Darstellung eine Interpretation ist und
bleibt. Beispielhaft kann das verdeutlich werden im Rückbezug auf den schon
aufgeführten Begriff der ‚Projektion’. Dabei sollte bedacht werden, dass dieser
Begriff unterschiedliche Bedeutungen besitzt, die sich auch gegeneinander
ausschließen. ‚Projektion’ im Kontext der Psychologie bedeutet etwas vollkommen
anderes als im Bereich der Mathematik. Dennoch lädt eine Arbeit wie das
‚Diaprojektionskreuz’, von Simon
Halfmeyer 2002/2003 realisiert, zu einer Zusammenführung
unterschiedlicher Begriffsebenen ein.
- Auf dem Grundriss eines Kreuzes werden vier Projektionsleinwände
in den Raum gestellt. Diese Leinwände
werden von vier Karussellprojektoren
‚belichtet’. Die Leinwände zeigen ihr Bild sowohl von der ‚richtigen’
Vorderseite als auch von der falschen ‚Rückseite’, da sie halbtransparent sind.
Der Besucher ist in der Wahrnehmung von ständig wechselnden Motiven
umgeben. Darüber hinaus ist das
Bildinventar von Büschen, Bäume und Sträuchern noch durch den Akt der Aufnahmen
verfremdet. Denn Simon Halfmeyer hat diese Aufnahmen in der Nacht mit
einem Blitzlichtgerät erstellt. Das
bringt in die Naturabbildung eine Fremdheit herein, die eine Projektion im
Sinne der Psychologie, die unbewusste Verlagerung eigener Wünsche, Gefühle oder
Vorstellungen auf andere Personen oder Objekte, erschwert. Die
überdimensionierten Blumenbilder scheinen in dieser Darstellung die Beziehung
zur Natur verloren zu haben. In der ‚Belichtung’ entstammen sie eher einem Film
als einer Natur, die ohne Darstellung bleibt.
- An dieser Stelle ist eine weitere Unterscheidung
einzuführen, die zwischen dem Materialobjekt und dem Formalobjekt.
- In der wissenschaftlichen Beobachtung wird zwischen diesen
beiden ‚Objekten’ unterschieden, wobei das Materialobjekt schon vor der
Untersuchung existiert, während das Formalobjekt erst in der Beobachtung
entsteht. Daraus ergibt sich, dass das Materialobjekt für unterschiedliche
Wissenschaften gleich bleibt, wogegen das Formalobjekt sich bezüglich der
konkreten Untersuchung in einem spezifischen wissenschaftlichen Umfeld anders
konstituiert. Dabei ist der Begriff der
Konstitution durchaus passend, denn in der Beobachtung wird das Objekt auch
konstruiert. Was Material und Konstitution ist, bleibt einer weiteren
Untersuchung beziehungsweise Beobachtung vorbehalten. Diese Beobachtungsperspektive
ist zentral für die Wahrnehmung von Natur seit der Entwicklung einer
neuzeitlichen Wissenschaft. Wieweit
diese wissenschaftliche Wahrnehmung der Natur die gewöhnliche Wahrnehmung
beeinflusst oder verändert hat, können wir nur erahnen.
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- Techniken
- In dem Zyklus der ‚Park Aquarelle’ lässt sich ein Reflex
auf diese Feststellung finden. Grundlage für die Arbeit war eine Folge von
Dias, die Simon Halfmeyer digitalisiert hat. In einem
Bildbearbeitungsprogramm zeigte sich in
der Darstellung auf dem Computer, dass bestimmte Rasenflächen im Bild durch
einen exakten Grünton wiedergegeben
wurden. Der Künstler hat diesen
spezifischen Grünton aus dem Bild herausgelöscht und als farbige Rahmen in der
Präsentation eingesetzt. Die konkreten grünen
Farbtöne wurden dafür extra angemischt und direkt auf die Wand gebracht.
Die wandgroßen Zeichnungen, Kohle auf Papier, sind eine Auseinandersetzung mit
der deutschen Romantik. Der Hintergrund der digitalen Bearbeitung bleibt ohne
den erklärenden Text verborgen. Der begleitende, erklärende Text verändert so
die Wahrnehmung der spezifischen Arbeit. Was ist hier Materialobjekt und was
ist Formalobjekt? Oder gibt es ein
Kunstobjekt, das dem Formalobjekt nahe kommt.
- Eine derartige Sichtweise könnte in Bezug auf zwei
besondere skulpturale Werk begründet sein. Die Skulpturen mit dem schönen Titel
„Ich war noch nie in Herrenhausen“ bestehen aus Stahl beziehungsweise
Sperrholz. Die Arbeit aus Stahl trägt den Zusatz ‚Munster outdoor’ und weist
damit auf ihre konkrete Verwendung hin. Sie ist
als Außenskulptur für den öffentlichen Bereich gedacht. Tatsächlich
simulieren im Ollerhof die zwei Teile
eine Hecke, die durchbrochen ist. Das Werk wirkt an dieser Stelle wie eine
‚Camouflageskulptur’, in den Worten von Simon
Halfmeyer. ‚Camouflageskulptur’ aber ist ein zweideutiger Begriff: Wird
die Skulptur camoufliert oder das Objekt, das mit der Skulptur dargestellt
wird? Tarnt sich die Hecke als Skulptur
oder die Skulptur als Hecke? Diese Zweideutigkeit liegt vielen Werken von Simon Halfmeyer zugrunde.
In ihnen zeigt sich ein wohldurchdachter Skeptizismus gegenüber den
Möglichkeiten zeitgenössischer Kunst. Für ihn kann sie sich nicht beschränken
auf die bloße Abbildung. Die Heckenskulptur scheint aber gerade auf den ersten
Blick eine derartige Abbildung zu sein. Im Kontext der real gegebenen Umgebung vor Ort aber wird die Differenz
zwischen realem Objekt, einer realen
Hecke, und deren ‚Abbildung’ deutlich. So bearbeitet der Künstler nicht die
Oberfläche des Materials und entfernt auch nicht eine deutliche sichtbare
Kennziffer auf dieser Oberfläche. Wo findet sich vor Ort oder in den Gärten
Herrenhausen, die im Titel der Arbeiten anklingen, die inszenierte
Künstlichkeit: im Objekt, das sich mit dieser Künstlichkeit auseinander setzt
oder der Kunst des Gartens, die in Szene gesetzt wird? Die zweite Skulptur mit
dem gleichen Titel bezieht sich eben auf die Gartengestaltung in Herrenhausen.
Form und Größe der Hecke orientieren sich an den Vorbildern der barocken
Gartengestaltung. Was dort einem aufwendigen Prozess des Wachsen, Beschneiden
und weiter Wachsen lassen unterworfen, wird in der Skulptur angesprochen. Aber
die Kunsthaftigkeit der Skulptur ist eine ganze andere als der des realen
Vorbilds. Die Struktur der ‚Kunsthecke’ ermöglicht einen Durchblick und
versperrt dennoch den Weg. Sie ist Abbildung und zeigt gleichzeitig den Akt der
Abbildung. Form und Gestalt der Arbeit nehmen das Muster der künstlichen Natur,
wie sie kennzeichnend ist für die barocke Gartengestaltung, auf. Aber sie
führen das Muster auch vor.
- Das wird besonders deutlich, wenn das verwendete Muster
wieder auftaucht in einer sogenannten Schneidplotterfolie. Mit dieser Folie
werden Fenster verklebt und die Funktion des Sichtschutzes, wie sie in barocken
Gärten angelegt ist, bekommt eine
anderer Bedeutung. Die Camouflage tut
nicht mehr so als wäre sie etwas anderes, sie ist einfach Sichtschutz. Aber der
Schattenwurf dieser ‚Tarnung’ lässt das
ursprüngliche Erscheinungsbild wieder
auftauchen: Durchblicke auf florale
Muster. Die Tarnung ist als Tarnung in der Camouflage sichtbar. Es ist
dieses Moment der Entdeckung der Verdeckung, das auch die Raum bezogenen
Szenarien kennzeichnet. die Simon Halfmeyer unter dem Begriff des ‚Glashaus’ in letzter Zeit realisiert hat.
Dabei sollte der Begriff der ‚Raumbezogenheit’ im stärksten Sinne verstanden
werden. Denn diese Oberflächen gehen in die Tiefe des Raumes, sie beziehen wie
selbstverständlich auch den Boden ein. Der Betrachter dieser ‚Glashäuser’ ist
umgeben von diesem ‚Haus’, im doppelten
Sinne des Wortes. Denn die Wände sind ja tatsächlich Wände, aber auch
Projektionsfläche der ‚Glashäuser’. Barbara Buchmaier weist in ihrem Katalogbeitrag[ii]
zu Recht auf die Bedeutung hin, die die
‚Projektionen’ von Simon Halfmeyer für
eine Diskussion zum zeitgenössischen
Museums- und Ausstellungsraum haben können. Was unterscheidet eine
Shopping-Mall von den Ausstellungsräumen der Saatchi Galleries?
- Im Jahre 2006 realisierte Simon Halfmeyer eine Arbeit, die
wie ein Kompendium seiner gesammelten Werke erscheint und deren Dimensionen,
Verhältnisse und Techniken zusammenfasst. Die Arbeit ‚Cluster mit Erdhaufen’
zeigt im Modell eine Art Galerie mit barocker Fenstergestaltung, aufgebracht
auf das Glas mit Folien. Im vorderen Drittele der Galerie findet sich ein realer Erdhaufen. Darin mag man einerseits
eine Referenz an die Land-Art sehen, andererseits aber auch eine Erinnerung an
das Rasenstück von Albrecht Dürer. Natur im Modell oder modellhaftes Natur? Womit sich ein Kreis
schließt und eine Frage unbeantwortet bleibt.
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- Thomas Wulffen
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[i] Eberhard Roters: Einleitung,
Katalog ‚Was die Schönheit sei, das weiß ich nicht - Künstler, Theorie, Werk,
Katalog zur zweiten Biennale Nürnberg 1971, Köln 1971, S.13.
[ii] Siehe Katalog Simon
Halfmeyer: Glashaus, Junge Kunst e.V. Wolfsburg 2006
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