- „Ju“ und „Mu“ als das Gleiche und das Andere
-
- Das „Ju“ (Sein, Dasein) und
das „Mu“ (Nichts, Leere) von Lao-Tse bilden traditionell die Grundlage der ganzen
ostasiatischen Ästhetik.
- Das erste Kapitel des Lao-Tse, das im 4. - 3.
vorchristlichen Jahrhundert verfasst wurde, sagt, dass „Ju“ und das „Mu“ eine gemeinsame
- Quelle haben.
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- Das "Mu" ist der
Anfang der Zeit und die Grundlage aller Prinzipien, "Ju" beschreibt
die beweglichen Formen dieser unendlichen Prinzipien.
- Es ist schwer, diese zwei
Begriffe voneinander zu unterscheiden, aber sie bilden die Grundlage aller
Prinzipien und bewegenden Formen.
- Das heißt, dass die sichtbare Form und der
unsichtbare Menschenverstand zwar andere Welten zu bilden scheinen, aber im
Grund genommen
- eins sind.
- Diese traditionelle Ästhetik
liegt letztlich auch dem Schaffen der heutigen ostasiatischen Künstler zugrunde.
Bewusst oder unbewusst folgen
- sie immer noch dieser ästhetischen Haltung. Fotografie
vergegenwärtigt in Korea die Seele des Motivs. Das bedeutet, dass Seele und
Körper
- eins sind.
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- Hier kann man die Arbeiten
von Kyungwoo Chun ansiedeln, der seit Mitte der 90er Jahre in seiner
Fotografie, in Video und Performance
- hauptsächlich Menschen darstellt.
- Die Frage nach der Zeit und
der menschlichen Wahrnehmung ist bei der Fotoarbeit sein Hauptinteresse. Die
meisten Arbeiten der
- westlichen Fotogeschichte bringen die subjektive Sicht des
Fotografen oder die Auseinandersetzung mit dem Raum zum Ausdruck.
- Aber Chun
stellt den Menschen eher in den Schnittpunkt von Zeit und Raum, wobei ihn nicht
die Persönlichkeit des Dargestellten
- interessiert, sondern das gesamte
Menschenbild, das durch die spezifische Körperlichkeit des Individuums sichtbar
wird.
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- „Mu“ von Lao-Tse
kann als Frage nach der Zeit und „Ju“ als Frage nach Raum oder Gestalt
interpretiert werden. Diese „Mu“ und „Ju“
- treten in den Fotos Chuns vereinigt
auf. Außerdem tritt der Fotograf durch die Einführung der Kalligraphiemethode
deutlich hervor. Das
- Hauptthema ist in seiner Fotoserie <Light Calligraphy, 2004> die Beziehung der Menschen zur
Kalligraphie als Metapher für das eigene
- Gedächtnis. Sie gilt in Korea traditionell als höchste Gattung der Kunst, und man lernt sie als Methode zur seelischen Kultivierung.
- Für Chun dient
das Geschriebene nicht zum Lesen, sondern dazu, den Gedankengang des
Schreibenden zu verfolgen. Eine ins Leere
- geschriebene Schrift, vergleichbar dem
Klang des Schweigens, lässt den Betrachter die Zeit fühlen, als ob die
verstrichenen Momente
- des Lebens plötzlich fassbar wären.
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- Durch die tiefe Einmischung des Künstlers in das Verhalten der Menschen werden das Ich und der Gegenstand vereinigt. Das ist das
- Hauptmerkmal seines Werkes.
- In seiner neuen Fotoserie <Light Calligraphy, 2004> schreibt eine Person vor der Kamera mit
einem Lichtpinsel Texte ins Leere, die gerade
- in ihrem Kopf entstehen.
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- Das ist die Weiterentwicklung der Porträtserien mit seiner extremen Langzeitbelichtungsmethode, wie <Thirty-Minute
Dialog, 2000> oder
- <this
appearance: One-Hour Portrait, 2001-2002>.
- <Light Calligraphy, 2004> demonstriert
die Grundlage der Ästhetik Ostasiens an der Fotografie, die eigentlich als typisch westliches
- Darstellungsmittel gilt. Im Vergleich dazu zeigt die Videoinstallation <100 Questions, 2004-2005>, aus der
die Performance entstand,
- das typisch westliche Gedankengut, nämlich die Dichotomie und die Dialektik, die Chun während seines Aufenthalts in Europa kennen
- gelernt hat.
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- Eigentlich ist das Thema seiner Videoarbeit - anders als die These Isaac Newtons - die individuelle Zeitempfindung, die
in der
- ostasiatischen Philosophie für natürlich gehalten wurde. Chuns Arbeit basiert auf dieser Philosophie. Daraus erklärt
sich die
- Video-Performance <18x1 Minute, 2003-2004> bei ARCO 2003 in Madrid, in der man selbst die eigene Zeit definieren sollte.
- In der Videoarbeit <100 Questions, 2004-2005> sieht man
deutlich Chuns kritische Haltung gegenüber einer Situation, in der man
- gezwungen
wird, entweder mit „Ja“ oder mit „Nein“ zu antworten, in der Zwischentöne nicht möglich
sind. Er kritisierte schon durch
- die Video-Performance <18x1 Minute> bei ARCO 2003 in Madrid die Denkweise der Europäer, die auf wissenschaftliche Ordnung
- als absoluten Wert vertrauen.
- In dieser Arbeit stellte
er 10 Menschen jeweils 10 persönliche Fragen, die nur mit Ja oder Nein
beantwortet werden sollten. Alle hundert
- Fragen wurden vor der Kamera gestellt. Man erkennt, dass es nicht immer möglich ist, mit „Ja“ oder „Nein“ zu antworten, oder dass
- „Ja“
oder „Nein“ keine angemessenen Antworten sind. Er weist damit auf einen Zwischenraum
oder eine Zwischenzeit hin, auf einen
- Zustand, der weder klar sichtbar noch
ganz unsichtbar ist.
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- Auf der ersten Einzellausstellung Chuns im Jahr 1994
wurden die Porträtphotographien von ihm selbst und Menschen seiner Umbebung
- ausgestellt. Da hatte ich seine Werke als "Die Photographie, das Selbst
und die anderen, und das Verschwinden ihrer Grenzen" bezeichnet.
- Meiner
Ansicht nach bleibt seine Arbeit trotz der veränderten Methoden immer noch auf
der gleichen Linie.
- Die ästhetische Haltung des Künstlers kann entweder die
Einfühlung oder die Abstraktion sein. Aber diese Haltung des Künstlers
schneidet
- im Grund genommen das Subjekt und das Objekt nicht dichotomisch auf,
sondern vereinigt beide.
- Der chinesische Ästhetiker aus der Sung Dynastie, Su Shih
(1036-1101), schreibt folgendermaßen: „Der Künstler schaut nur auf den Bambus,
-
nicht die umgebenden Menschen, wenn er den Bambus malt. Er nimmt den Menschen
nicht wahr und vergisst sogar seine eigene Existenz.
- Gleichzeitig verwandelt er
sich in den Bambus und schließlich erreicht er die unendliche Reinheit. Wer
könnte dieses geheimnisvolle Rätsel
- verstehen?“
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- Vor diesem Hintergrund muss
die Arbeit Chuns verstanden werden.
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- Juseok Park, Seoul
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