- Marco Breuer - The Problem with Photography (z.
Zt.)
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- Ausstellungseinführung, 25. November 2006, BernhardKnaus Fine Artvon Gudrun Meyer
- Marco
Breuer, 1966 in Landshut geboren, lebt seit 1993 in New York. Er hat seinen
Platz in der Landschaft internationaler Fotografie erobert, denn seine Werke
sind in die Kunstsammlungen des MoMA in New York, des Fogg Art Museum in
Cambridge oder, um in der Nähe zu bleiben, der Staatsgalerie in Stuttgart
aufgenommen worden. Neben zahlreichen Präsentationen in Einzel- oder
Gruppenausstellungen, engagiert sich Breuer mit eigenen kuratorischen Projekten
und Lehrveranstaltungen an Kunsthochschulen für die zeitgenössische Fotografie.
(Sein sechs Seiten langer Lebenslauf liegt im Nachbarraum aus.) Werke von ihm
wurden bereits im September 2005 in dieser Galerie gezeigt, als er an der
Gruppenausstellung „Lines and Traces“ teilnahm.
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- Breuer
untersucht die Möglichkeiten und Grenzen des Mediums der Fotografie, indem er
auf die Verwendung einer Kamera verzichtet und sich allein auf die Erforschung
der Eigenschaften des Bildträgers selbst, also des lichtempfindlichen Papiers,
konzentriert. Die so entstandenen Werke entziehen sich der eindeutigen
Zuordnung an die Fotografie, sondern bewegen sich an den Grenzen zu anderen
Medien, wie der Zeichnung, des Drucks oder sogar des Films. Fotografie ist
üblicherweise Auflagenkunst, Breuer hingegen schafft Unikate, in denen Spuren
des handwerklichen Schaffens des Künstlers enthalten sind.
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- Der
Ursprung von Breuers Arbeitsweise liegt auf der Technik der Fotogramme, bei der
Gegenstände auf lichtempfindliches Papier gelegt werden und nach der Belichtung
und chemischen Fixierung ihre Spuren auf dem Papier hinterlassen. Diese
Experimente wurden seit der Erfindung der Fotografie durchgeführt, bedeutende
Werke in dieser Technik schufen neben anderen Man Ray, Christian Schad oder
Laszlo Moholy-Nagy.[1]
Während bei der klassischen Fotografie zwischen dem Zeitpunkt des
Fotografierens und des Entwickelns des Bildes immer ein zeitlicher Abstand
besteht, ermöglicht die Technik des Fotogramms sehr unmittelbare Ergebnisse,
auf die der Künstler direkt reagieren kann, um Ideen voranzutreiben.
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- Seit
seinem Umzug 1993 in die USA entwickelte Breuer die Idee tagebuchähnlicher
Fotonotizen im Format DIN A4. Sein Ziel war es dabei, die schrittweise
Transformation von Objekten in Bilder nachzuvollziehen und Spuren des Alltags
auf das Fotopapier zu bannen, indem er im systematischen Experiment gewöhnliche
Dinge wie Krawatten, Kaffeefilter oder Tapeten aufs Fotopapier legte und es
belichtete. Doch blieb es nicht bei diesen harmlosen Spuren. In den 1996 im
Drawing Center in New York gezeigten Arbeiten hatten Zündschnüre von
Feuerwerkskörpern ihre Zeichen ins Papier eingebrannt, auch das Zünden eines
Streichholzes oder Verbrennen eines Tuches wurden zum Belichten des Papiers benutzt.
Breuer gelang es dabei, dem schwarz-weißen Fotopapier durch Erhitzen
verschiedenste Farbtöne im Bereich Organe, Rot und Braun zu entlocken. In
anderen Serien schüttete Breuer Alkohol aufs Papier, schliff es mit Sandpapier
ab oder ritzte es mit Rasierklingen. Mit diesen scheinbar banalen Akten der
experimentellen Überprüfung der Eigenschaften des Fotopapiers hinterfragt Marco
Breuer die Rolle des Künstlers im Prozess der Bildentstehung. Einerseits greift
er bewusst gestaltend ein, indem er die Materialien aussucht und die Zeitspanne
wählt, in der er das Blatt belichtet oder in der chemischen Lösung wässert,
doch spielt andererseits auch der Zufall in diesen Experimenten eine große
Rolle, denn Breuer kann nur begrenzt steuern, welche Spuren die Materialien
hinterlassen oder was genau mit dem chemisch oder physikalisch veränderten
Papier im Entwicklerbad geschieht. Gezielte Entscheidungen des Künstlers und
nicht steuerbare Prozesse in der Bildentstehung stehen so in einem spannungsreichen
Verhältnis zu einander. Breuer selbst bezeichnet diesen Zustand als
„kontrollierten Zufall“. Die Idee des Künstlers als Bildschöpfer, der die Bildentstehung
bewusst steuert, kann in diesen eher experimentellen Prozessen nicht mehr
angewendet werden, auch wenn Breuer seine Materialien genau kennt.
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- Seit
2001 arbeitet Marco Breuer mit farbigem Fotopapier. Bei den hier präsentierten
Arbeiten geht der Künstler so vor, dass er das Papier zunächst vollständig
belichtet. Die Oberfläche des in einzelnen Farbschichten aufgebauten Papiers
wird dabei vollständig schwarz. Anschließend bearbeitet Breuer die Oberfläche
mit spitzen Gegenständen, wie Rasierklingen oder Farbspachtel. Je nachdem, wie
viel Druck er dabei ausübt, werden bestimmte Farbschichten im Papier freigelegt
und so ein Farbton auf der Oberfläche erzeugt. Ich möchte gar nicht im Detail
verraten, wie er bestimmte Effekte erzielt, damit die Arbeiten ihr Geheimnis
bewahren, denn was dabei entsteht, ist von großer Schönheit. Die abstrakten
Formen lassen an Sternbilder oder an einen Blick durchs Mikroskop denken.
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- In einem
ersten Schritt stellt Breuer eine Distanz zum Medium der Fotografie her, indem
er auf den Illusionsstiftenden Prozess des durch das Kameraauge aufgenommenen
Bildes verzichtet und uns zeigt, dass wir die Technik, die uns täglich umgibt,
doch nicht so genau kennen. Er geht zu den Wurzeln der Fotografie zurück und
erforscht in seriellen Prozessen die Grundbedingungen der Bildentstehung. In
einem zweiten Schritt überwindet er diese Distanz erneut, indem er Bilder
schafft, die einen besonderen ästhetischen Reiz haben und im Spiel mit den
Spuren des Zufälligen ebenfalls dreidimensionale Effekte erzeugen. Das
Fotopapier ist dabei nicht mehr nur Träger des Bildes sondern Teil vom Bild selbst.
Während Fotografie üblicherweise ihre Materialität verheimlicht, um auf eine
andere, abgebildete Welt zu verweisen, werden die materiellen Eigenschaften
einer Fotografie bei Breuer hervorgehoben und zu einer neuen künstlerischen
Aussage gebracht. Die Fotografie wird damit von der Aufgabe des Verweisens auf
ein Ereignis oder einen Gegenstand befreit und auf sich selbst zurückgeworfen.
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- Ein
wichtiger Aspekt von Breuers Schaffen ist das Serielle seiner Arbeiten. Auch
wenn das einzelne Bild vollendet ist, ist es doch Teil einer fortlaufenden
Entwicklung, innerhalb derer sich der Künstler unermüdlich mit der Frage auseinandersetzt,
was Fotografie sei, und zwar nicht nur hinsichtlich ihrer materiellen
Eigenschaften sondern auch in Bezug auf ihre visuelle Wirkung. Dabei wendet
sich der Künstler immer neuen Techniken zu – in jüngster Zeit widmete er sich z.B.
dem Gummidruck oder der Xenotypie. Welche Technik er auch immer anwendet, er
akzeptiert nie die Empfehlungen der Gebrauchsanweisung. Hat er sich mit den Eigenschaften
und Wirkungen einer Technik in einer Vielzahl von Experimenten vertraut
gemacht, führt er sie überraschenden visuellen Ergebnissen zu. Ein Blick zurück
zu den Ursprüngen der Fotografie ist dabei immer gepaart mit einem Blick nach
vorn, um alterhergebrachten Techniken mit aktuellen ästhetischen Konzepten zu
konfrontieren. Im Verzicht auf die Kamera ist Breuer von den konventionellen
Erwartungen an die Fotografie und deren strengem Regelwerk befreit und kann
eine neue eigene Formensprache entwickeln. Sein Blick gilt dabei dem Kleinen
und Unerwarteten und nicht dem schnellen Effekt des überdimensionalen Abzugs. Im
kleinen Sandkorn, das sich zufällig unter dem Fotopapier befindet und auf der
Oberfläche rätselhafte Spuren hinterlässt, sammelt Breuer die Essenz der
Fotografie.
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